Kommentar zum Buch Roemerbrief, Kapitel 11
Verse 1-4
1 Ich sage nun: Hat Gott etwa sein Volk verstossen? Das ist ausgeschlossen! Denn auch ich bin ein Israelit aus der Nachkommenschaft Abrahams, vom Stamm Benjamin.
2 Gott hat sein Volk nicht verstossen, das er vorher erkannt hat. Oder wisst ihr nicht, was die Schrift bei Elia sagt? Wie er vor Gott auftritt gegen Israel:
3 »Herr, sie haben deine Propheten getötet, deine Altäre niedergerissen, und ich allein bin übriggeblieben, und sie trachten nach meinem Leben.«
4 Aber was sagt ihm die göttliche Antwort? »Ich habe mir siebentausend Mann übrigbleiben lassen, die vor Baal das Knie nicht gebeugt haben.« Röm 11,1-4
Vers 1
Diese Frage, ob Gott sein Volk verstossen habe, kann sich nach dem zehnten Kapitel des Römerbriefes aufdrängen. Der aufmerksame Leser wird jedoch schnell erkennen, dass, sollte es so sein, Gott nicht ein Mittel einsetzen würde, Israel zur Eifersucht zu reizen. Gottes Mittel und Wege bei seinem Volk sind immer für den Aufbau, nicht für den Abriss. Würde Gott Israel verwerfen, könnte er es einfach so tun und er müsste sich nicht, wie erwähnt, die Mühe nehmen, sie zur Eifersucht zu reizen. – Paulus verneint diese Frage auch sogleich, denn er ist auch ein Beispiel eines erretteten Israeliten, er ist ein erretteter Benjaminiter. So, wie die Heiden durch Christus allein errettet werden können, ist es auch bei Israel: Es gibt nur einen Weg zu Gott: Jesus Christus! Dies hätten sie aus dem Gesetz und den Propheten (Bsp. Jes 53,4-7) erkennen müssen und haben es teilweise auch (Luk 2,25).
Vers 2
Keinesfalls hat Gott Israel verstossen. Das wird in den Propheten ausdrücklich und unverschlüsselt erwähnt, denn sie schreiben sehr oft über eine völlige Wiederherstellung Israels. Diese Wiederherstellung ist nicht diese, wie wir sie heute (2010 n. Chr.) haben, auch wenn die erneute Gründung des Staates Israel im Jahre 1948 und dessen Existenz bis heute von grosser Bedeutung ist. Der Staat Israel ist nicht wirklich so frei, wie er es nach der Wiederherstellung Gottes sein wird. Im Propheten Hosea (3,5 u.v.a.) sehen wir eine Umkehr Israels zu Gott, wie wir sie bis heute noch nicht gesehen haben. So können wir gewiss sein, dass der heutige Zustand nicht der völligen Wiederherstellung entspricht. Der Zustand und die Sicherheit in Israel hat noch längst nicht das versprochene Niveau im Propheten Jesaja (66,9-14) erreicht.
Israel wird die völlige Wiederherstellung durch die Barmherzigkeiten Gottes erreichen, das ist gewiss! Kein einziges Wort des HERRN wird unerfüllt bleiben. So können wir mit grösster Gewissheit in die Worte des Apostels einstimmen: „Gott hat sein Volk nicht verstossen, das er vorher erkannt hat.“
Verse 3-4
Elia dachte, er sei der einzige übriggebliebene Getreue des HERRN. Alle anderen seien abgefallen. – Die Getreuen des HERRN von heute kennen diese Einsamkeit. Manchmal erscheint es so, wie damals dem Elia, auch inmitten des Volkes, einer Gemeinde. Rechtschaffene Christen möchten den ganzen Weg des HERRN gehen, studieren das Wort und wachsen in der Erkenntnis. Sie müssen in der Folge feststellen, dass ihre Brüder und Schwestern, die auch vorgeben gottesfürchtig zu sein, sich weit von der geraden Bahn entfernt haben. Sie sehen auch, dass diese Abkehr nicht nur die einzelnen Individuen betrifft, sondern das Volk Gottes als Ganzes. Denn die Versammlungen des HERRN wenden sich als ganze Körperschaften ab, nehmen Eigennamen an, verbinden sich mit der Welt, schaffen Sakramente ab und führen wieder priesterliche Klassen* ein, welche der HERR hasst (Offb 2,6) und von ihm persönlich eindeutig und klar abgeschafft wurden (Mt 23,9). Und solche Sachen tun sie fleissig. Da stehen nicht selten die Getreuen völlig alleine da und werden darüber hinaus von den eigenen Leuten als Fundamentalisten (im negativen Sinn) verschrien. Das ist eine ganz üble Sache, die wohl jedem treuen Bruder und jeder treuen Schwester einmalig oder mehrmals im Leben widerfährt.
Doch – Gott sei Dank – der HERR lässt es nicht soweit kommen, dass man ganz alleine übrig bleibt! Er behält sich einen Überrest. Auch wenn dieser Überrest nicht offenbar ist, können wir sicher sein, dass Gott sich einen solchen bewahrt, damals, wie auch heute! Amen!
* die priesterliche Klasse war im AT erwünscht, sogar vom HERRN verordnet (Aaron und seine Nachkommen). Im NT wird sie aber klar abgeschafft und ist nicht mehr willkommen. Der HERR möchte kein Klerus/Laien Prinzip. Kein Mensch darf sich geistlich höher stellen und über den anderen „schweben“. Das wird vom HERR ausdrücklich befohlen und nicht einmal, sondern zweimal in der Offenbarung bei den Nikolaiten unterstrichen (er hasst die Nikolaiten-Lehre). „Nikolaiten“ heisst übersetzt „Volkssieger“, das sind Menschen, die über dem Volk stehen. Trotz dieser Aussage des HERRN sehen wir überall „Volkssieger“ in den Kirchen. Sie tragen „Ehrennamen“ wie „Prediger“, „Pfarrer“, „Priester“, „Bischof“, „Kardinal“, und die Maximierung davon: „Papst“.
Verse 5-7
5 So ist nun auch in der jetzigen Zeit ein Überrest nach Auswahl der Gnade entstanden.
6 Wenn aber durch Gnade, so nicht mehr aus Werken; sonst ist die Gnade nicht mehr Gnade.
7 Was nun? Was Israel sucht, das hat es nicht erlangt; aber die Auswahl hat es erlangt, die übrigen jedoch sind verstockt worden, Röm 11,5-7
Vers 5
Wie wir jetzt wissen, entsteht dieser Überrest nicht durch hoch motivierte Leute, welche sich zum Ziel gesetzt haben, Gott zu gefallen, einer Elite sozusagen. Der Überrest besteht aus Leuten, die ihre Unzulänglichkeit eingestehen und auf die Rettung Gottes hoffen. Sie vertrauen der Gnade Gottes.
Vers 6
Wenn der Überrest durch die Gnade entsteht bzw. Bestand hat, geschieht es nicht durch dessen Werke, sondern durch – wie erwähnt – die Gnade Gottes.
Vers 7
Der Heilige Geist möchte das Verständnis für diese Angelegenheit wecken: Jeder soll begreifen, was es mit der Gnade und den Werken auf sich hat. „Was nun?“ Wieso hat Israel nicht erreicht, wonach sie trachteten? Wieso hat es eine Auswahl erlangt, die übrigen aber nicht? Weshalb kann der Mensch bei Gott willentlich nichts erreichen, in anderen Bereichen aber viel (1. Mo 11,6)? Im 1. Buch Mose 11 sagt Gott sogar vom Menschen, dass ihm nichts unmöglich sein wird. Gott bestätigt dort die Haltung vieler Menschen, die sagen: „Ich und sonst gar nichts (Jes 47,10; Dan 4,27; Zef 2,15).“ – Wie ist das zu verstehen? Einerseits erreichte ein eifriges Israel nichts, anderseits sagt Gott vom Menschen, dass ihm nichts unmöglich sein wird.
Die Antwort darauf ist einfach: Der Mensch ist vor Gott ein Nichts, ein Wurm (Jes 41,14). Dazu kommt, dass dieser „Wurm“, der Mensch, zusätzlich noch gefallen ist. Sagen sie mir nun, liebe Leserin und lieber Leser, was diese Kombination „Wurm“ und „gefallen sein“ hervorbringen kann? Was kann sie hervorbringen, auch wenn sich der „gefallene Wurm“ aufbäumt, sich voll anstrengt und wie wild zappelt? Etwas, das Gott beeindrucken könnte? Ist dieser Gedanke allein nicht schon absurd? – Wir sehen also: Die Selbständigkeit des Menschen kann nur in ihrem nichtigen Bereich etwas erreichen! Sie bringt es fertig, grosse Türme zu bauen (Turmbau zu Babel). Auch die Weltraumfahrt ist möglich. Finanzsteuerungsgremien denken die Weltwirtschaft regeln zu können. Intelligente Menschen bringen Grosses zustande, das ist unbestreitbar. Davon zeugen die Pyramiden in Ägypten, die grossen Städte im Altertum, wie auch die Errungenschaften der Neuzeit, wo heutzutage gar eine die andere jagt. Denken wir an die Kernenergie, die Luftfahrt, die Bautechnik, an ausgeklügelte Brückenkonstruktionen, Kriminalaufklärungstechniken, die Spitzenmedizin und nicht zuletzt an die Verteidigungstechnologien der grossen Nationen. Waren die Entwickler des SR-71 Blackbird Aufklärungsflugzeuges nicht helle Köpfe, die damit sehr viel erreicht hatten, sogar mehr als andere? Das Flugzeug spottete jeder Flugabwehr. Obschon mehrmals scharfe feindliche Raketen darauf abgefeuert wurden, konnte ihr Pilot über die „Bedrohung“ nur lachen und – indem er die Schubhebel nach vorne drückte – sich auf so hohe Geschwindigkeiten katapultieren, dass die Verfolgerraketen wie rückständige und somit ineffektive Waffen erschienen.
Sind denn nun all diese Errungenschaften nichts wert? Ist es auch nichts, wenn ich die Moral hoch halte, indem ich früher als andere aufstehe, um mir Zeit für Gott zu nehmen, meine Frau ehre und nicht betrüge, meine Kinder liebe und meine Steuern pünktlich bezahle? – All diese grossen und, ach, so wichtigen Dinge beeindrucken Menschen, ich selbst bin dadurch beeindruckt, aber nicht Gott. Der Mensch soll trennen, was vom Menschen kommt und was von Gott. Gott ist unerschaffen, unendlich, der Mensch ist erschaffen und endlich. Dazu kommt, dass er gefallen ist. Das ist der Grund, dass Israel – obschon abgesondert, ausgebildet von Gott, mit königlichem Gesetz, mit einem Gott, der ständig die Hände nach ihnen ausbreitete – es nicht geschafft hat, vor Gott Gefallen zu erwirken.
Können sie es fassen, liebe Leserin und lieber Leser? Das Zappeln des Menschen, ja ganzer Völkerschaften bringt nicht wirklich etwas Beständiges hervor, etwas, was Gott beeindrucken könnte, auch wenn sie sogar das Richtige suchen: Gott zu gefallen. Der Prediger bringt es auf den Punkt: Es ist nur „ein Haschen nach Wind“ (Pred 1,14 u.v.a.). Wachen Sie über den Stolz! Sollten Sie über grosse weltliche Qualifikationen und Positionen verfügen: Halten Sie die Hand vor den Mund! Zu nichts haben es ganze Völkerschaften gebracht, nicht einmal speziell dafür ausgebildete, wie Israel im Alten Testament! Mit was wollen Sie sich brüsten vor dem Allmächtigen? Gelten Sie etwas vor ihm, weil sie viel Geld haben, Wissenschaftler oder Abgeordneter einer grossen Nation sind? Bedenken Sie: Nur eine Auswahl hat es erlangt! Und diese Auswahl hat es aufgrund der Gnade und nicht der Werke erlangt! Wir sehen also: Demut haben tut not. Nur die Gnade Gottes macht Menschen zu wohlgefälligen Geschöpfen, nicht eigene Werke. So hat es ein Überrest Israels durch die Gnade geschafft, die übrigen sind verstockt worden. Amen.
Lassen Sie mich an dieser Stelle das schon mehrmals erwähnte Thema „Werke des Christen“ aus einer ganz bestimmten Position aus beleuchten. Eine Bemerkung der Schrift, die mir selbst nicht gerade schmeichelte, ist die Erwähnung, dass Christen bekanntlich in Sachen weltlicher Klugheit nicht zu den Besten der Menschheit gehören. Meistens stehen sie hinsichtlich der Gescheitheit hinter den Weltmenschen (1. Kor 1,26). Der HERR selbst sagt das im Lukasevangelium aus: „Die Kinder dieser Welt sind im Umgang mit ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichtes (Lk 16,8).“ Deshalb müssen manchmal Dinge, die eigentlich logisch sind, nochmals ausgeführt werden.
Einige Christen denken nämlich, dass sie ohne Gott nichts hervorbringen könnten, rein gar nichts, und verbinden ihren Erfolg mit dem Gradmesser des Gefallens bei Gott. Gelingt ihnen etwas, denken sie, sie hätten Gefallen gefunden, misslingt im Gegensatz dazu etwas, glauben sie sofort, bei Gott in Ungnade gefallen zu sein.
Bei solchen Erwägungen muss immer Weltliches vom Geistlichen getrennt werden, liebe Brüder und Schwestern! Denken Sie an die Errungenschaften der Nationen! Was haben Ungläubige alles zustande gebracht, obschon der Zorn Gottes über ihnen bleibt (Joh 3,36)! Weltlicher Erfolg ist nicht gleichzusetzen mit Gunst bei Gott gefunden zu haben! – Es ist tatsächlich so, dass Christus spricht: „Ohne mich könnt ihr nichts tun (Joh 15,5).“ Diese Stelle bezieht sich aber ausschliesslich auf Dinge, die Bestand haben, gottgewirkte Dinge eben. Wir haben in diesem Kommentar gesehen, dass der Mensch sehr viel zustande bringen kann, auch ohne Christus. Oder wer hat dem Menschen befohlen, „Cern“ in Genf zu bauen? Gott etwa, damit der „Ursprung der Menschheit“ erforscht werden sollte, wo er doch durch die Heilige Schrift offenbar ist? – Sehen Sie, liebe Leserin und lieber Leser, worauf ich hinaus will? Menschen können, auch ohne durch Gott geleitet zu werden, viele grosse Dinge tun. Gott gibt ihnen grosse Freiheiten. Er zwingt niemanden, seinen Weg zu gehen. Sie können durch starken Willen Fettleibigkeit abhungern oder durch ein „sich gehen lassen“ sich einen Wanst anfuttern. Das steht ihnen frei, das geht auch ohne Gott. Deshalb soll der Christ nicht zu allen Dingen, die in seinem Leben geschehen, sagen, Gott steuere sowieso alles, um damit seine eigene Untätigkeit zu rechtfertigen. Der Christ muss den Verantwortungsbereich, welcher ihm gegeben ist, ausfüllen und wird bei Christi Wiederkunft darüber Rechenschaft ablegen. Gäbe es für ihn keinen Handlungsspielraum, gäbe es kein Gericht am Ende. So einfach ist das. Daran ändert auch mit diesem Vers nichts: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Guten mitwirken, denen, die nach seinem Vorsatz berufen sind (Rö 8,28).“ Es steht in unserer Verantwortung Gott zu lieben, damit alle Dinge zum Guten mitwirken. Wenn wir Gott nicht lieben, aber trotzdem Erfolg im Beruf haben, dient dieser Erfolg nicht zum Guten und zeugt nicht von einem „Beliebt sein bei Gott“. Täuschen Sie sich da nicht, lieber Bruder und liebe Schwester! Amen.
Verse 8-10
8 wie geschrieben steht: »Gott hat ihnen einen Geist der Schlafsucht gegeben, Augen, um nicht zu sehen, und Ohren, um nicht zu hören, bis auf den heutigen Tag.«
9 Und David sagt: »Es werde ihr Tisch ihnen zur Schlinge und zum Fallstrick und zum Anstoss und zur Vergeltung!
10 Verfinstert seien ihre Augen, um nicht zu sehen, und ihren Rücken beuge allezeit!« Röm 11,8-10
Vers 8
Gott verstockt Menschen, welche nicht auf Zurechtweisung hören wollen (Ps 81,12-13). Es darf nicht sein, dass sie sich „zufällig“ richtig verhalten und so mit einem bösen Herzen auch in den Genuss seiner Gunst kämen. Das wäre denen gegenüber nicht fair, die sich um Gottes Sache intensiv und Opfer bringend bemühen. Das wird im Markusevangelium (4,12) klar ausgesagt. Die Stelle im Markusevangelium mag etwas befremdend tönen, vor allem in der heutigen durch den Humanismus verseuchten Weltmeinung. Oder wie kann ein Humanist die folgenden Worte einordnen?
»damit sie sehend sehen und nicht wahrnehmen und hörend hören und nicht verstehen, damit sie sich nicht etwa bekehren und ihnen vergeben werde«. Mk 4,12
Gott spricht daher im NT in erklärungsbedürftigen Gleichnissen zum Volk, damit die Verstockten nicht verstehen und sich bekehren und ihnen vergeben werde, da jene die Vergebung nicht in Anspruch nehmen dürfen: Ihr Herz ist nämlich nicht bussfertig. Jenen hingegen, denen er die Wahrheiten in den Gleichnissen offenbaren möchte, werden sie erklärt, nämlich den Menschen, die sich zu ihm halten.
Kein Mensch soll von sich denken, er bekomme von sich aus, durch seinen eigenen Willen, Einsitz in den Rat Gottes. Gott entscheidet, wer in seine Gedanken eingebunden wird und wer nicht (Ps 15,1; 25,14; Spr 3,32). Der Einsitz im Rat Gottes ist klar an Bedingungen geknüpft.
Verse 9-10
Dieses Zitat Davids steht im 69. Psalm. Ein Psalm, welcher vom Herrn Jesus am Kreuze spricht. Im selben Psalm steht, dass sie (die Israeliten) denjenigen verfolgt haben, den Gott geschlagen hat (V27). – Israeliten, welche nach ihren eigenen Gedanken wandelten, erkannten die Wege Gottes nicht. Das ging sogar so weit, dass sie den Messias, welcher durch die Propheten angekündigt worden war (Sach 9,9; Mt 21,5), nicht erkannten und kreuzigten. Soweit kann es mit der Verblendung kommen, wenn sich der Mensch aus der Abhängigkeit Gottes löst. So krass das Vergehen ist, so schlimm sind die Konsequenzen die wir in diesen beiden Versen sehen. Gottes Wege sind klar: In erster Linie handelt er gnädig. Sein Wesen ist ausserdem sehr langmütig. Wie soll er aber als Richter der Welt entscheiden, wenn er für den Menschen alles zum besten Gedeihen gegeben hat, der Mensch es aber vorsätzlich und böse verwirft? Wir sehen, wie er mit den Nationen verfährt: Er gibt sie dahin, ihren eigenen Lüsten nachzugehen (Rö 1,26). Genau so verfuhr er mit Israel. Er hatte ihnen die besten Voraussetzungen geschaffen (Jes 5,1-2). Israel trat jedoch mit Füssen danach (V7). So kam es, wie es kommen musste: Er gab sie dahin, ihre Lüste nach der menschlichen Bosheit (Mt 15,19) auszuleben. Und, um seine Perlen nicht vor die Schweine zu werfen, verstockte er ihren Sinn. Beim selbst heraufbeschworenen schlechten Zustand Israels war es nicht statthaft einen Ausweg bereit zu halten, deshalb verschleierte er ihn. Der Ausweg wurde und wird nur denjenigen offenbar, die ihn demütig annehmen (Mi 6,8). Amen.
Vers 11
Ich sage nun: Sind sie etwa gestrauchelt, damit sie fallen sollten? Das ist ausgeschlossen! Sondern durch ihren Fall ist den Nationen das Heil geworden, um sie zur Eifersucht zu reizen. Röm 11,11
Vers 11
Paulus fragt seine Leserschaft nun, ob Israel denn strauchelte, um zu fallen. Mit anderen Worten ausgedrückt fragt Paulus, ob bei Israel das Abkommen des Weges ins (endgültige) Verderben führen sollte. – Das ist ausgeschlossen, Gott sei Dank! Israel ist ja ein Beispiel und Beweis für den völlig behüteten Menschen, der, auch mit besten Voraussetzungen, es nicht schafft, Gott zu gefallen. Gott gab dem Menschen nach seinem (!) Begehren, dem dringlichen Verlangen des Menschen, die Möglichkeit, es alleine zu versuchen, ihm zu gefallen.
Israel hat mit ausserordentlich klaren Beweisen es deutlich und unmissverständlich ans Licht gebracht, dass der Mensch es nicht auf die Höhe der Moral Gottes bringt. Das beweist nicht, dass Gott zuviel vom Menschen verlangt, es zeigt lediglich, wie schlimm es von Hause aus mit dem Menschen im Blick auf Gott bestellt ist. Es offenbart und beweist, dass der Mensch böse, grundsätzlich ablehnend und nicht wirklich interessiert ist an Gottes Wegen.
Sollte nun Israel für diese Beweisführung „benutzt“ worden sein um zu straucheln, verworfen zu werden und ganz zu Fall zu kommen? „Das ist ausgeschlossen“, stellt Paulus hier mit Nachdruck klar. Es gab Israeliten mit demütigen Herzen, die aus dem Gesetz erkannten, dass sie einen Erlöser brauchen und nicht von Gottes Wegen abweichen sollten. Jene haben es schon während des Zeitalters des Gesetzes „geschafft“ ohne zu straucheln (Rö 11,4). Für die übrigen bleibt eine weitere Chance und es wird weiter für sie geworben. Geworben wird um sie mit dem Heil für die Nationen. Es soll Israel zur Eifersucht reizen, den verlorenen Platz wieder zu erhalten. Und die weitere Gelegenheit Israels besteht darin, dass sie Christus nochmals vor Augen geführt bekommen, den, welchen sie in ihrer Verblendung böse ermordet haben. Er hatte damals für sie gebetet, der Vater solle ihnen diese Schandtat nicht anrechnen (Lk 23,34). So bekommen sie ihre zweite Chance, indem, wie gesagt, ihnen Christus nochmals vorgeführt wird. Wenn sie ihn annehmen, werden sie gerettet (Sach 12,10). „An jenem Tag (Rückkehr Christi) wird für das Haus David und die Bewohner von Jerusalem eine Quelle geöffnet sein gegen Sünde und gegen Befleckung (Sach 13,1).“ – Das Straucheln Israels bedeutet somit nicht ihren endgültigen Fall. Es wird ihnen nochmals eine Quelle geöffnet werden. Die Demütigen werden davon trinken und geheilt werden. Amen.
Verse 12-15
12 Wenn aber ihr Fall der Reichtum der Welt ist und ihr Verlust der Reichtum der Nationen, wieviel mehr ihre Vollzahl!
13 Denn ich sage euch, den Nationen: Insofern ich nun der Nationen Apostel bin, bringe ich meinen Dienst zu Ehren,
14 ob ich auf irgendeine Weise sie, die mein Fleisch sind, zur Eifersucht reizen und einige aus ihnen erretten möge.
15 Denn wenn ihre Verwerfung die Versöhnung der Welt ist, was wird die Annahme anders sein als Leben aus den Toten? Röm 11,12-15
Vers 12
Wenn nun bereits der Verlust, den Israel erlitten hat, den Nationen soviel Heil brachte, wie viel mehr wird die Annahme Israels bringen? Heute wissen wir, dass bei der Annahme Israels die Dinge wiederhergestellt werden (Apg 3,21).
Verse 13-14
Dieser Brief war für die Gläubigen aus den Nationen, den Heidenvölkern bestimmt. Paulus war der Apostel (Gesandte) Christi für die Nationen, wie er selber sagt. Petrus war hingegen für sein eigenes Volk (Gal 2,8), für Israel, als Gesandter beauftragt.
Paulus bringt seinen Dienst zu Ehren, wenn er durch die Bekehrung der Nationen sein eigenes Volk erreichen kann, indem sie durch die Wahrnehmung ihrer Augen zur Eifersucht gereizt werden. Je besser Paulus seine Arbeit verrichtet, desto eifersüchtiger werden die Juden, denn: Je mehr Heiden die Gnade annehmen, desto grösser wird der Anlass für die Juden, über ihren Verlust nachzudenken.
Paulus möchte gute Arbeit leisten, er hat erkannt, dass, je besser seine Arbeit ist, desto mehr kann er bei seinem eigenen Volk erreichen, das ihm ja sehr am Herzen liegt (Rö 9,3). Obwohl er der Apostel der Nationen ist, kann er auf indirektem Weg sehr gut auch Heil zu seinem eigenen Volk fliessen lassen.
Lassen Sie uns daher, liebe Leserin und lieber Leser, uns unsere Arbeit am zugewiesenen Platz tun. Vielleicht möchten Sie als Beispiel lieber Person X anstelle von Z evangelisieren. Sie wissen aber vom HERRN, dass Ihr Platz bei X ist. Verlassen Sie den Platz nicht, es gibt nichts Schlimmeres, als im Reich nach dem eigenen Willen zu dienen. Wir sehen, dass die Gnade des HERRN auch Paulus’ Herzenswunsch berücksichtigte bei der Arbeitszuteilung. Er durfte in seiner Arbeit auch Einfluss auf sein eigenes Volk haben. Wie Gott Paulus’ Wünsche berücksichtigte, kann er in Dienstfragen auch die Ihren berücksichtigen.
Vers 15
Wie im Kommentar zum Vers 12 bereits angedeutet, beginnt mit der Annahme Israels, bei der Rückkehr Christi, die Wiederherstellung aller Dinge. Bei Israel wird die Verblendung aufgehoben, sie werden Christus als Retter erkennen (Sach 12,10); dem Menschenmörder, dem Teufel, wird die Herrschaft über die Erde weggenommen (Lk 4,6; Offb 20,2 (erste Stufe); Offb 20,10 (zweite Stufe)) und Christus übergeben (Lk 1,32; u.v.a.). Christi Herrschaftsbereich wird unumschränkt sein, kein anderes Volk muss autonom und unter böser, bzw. unvollkommener Regierung weitervegetieren müssen (Dan 2,44). Die Erde wird Frieden haben und alle Völker Ruhe (Mi 4). Das Schicksal der Welt wird sich durch die Annahme Israels wenden. Es wird so eindrücklich sein, wie „Leben aus den Toten“ beeindruckend ist. Amen.
Verse 16-17
16 Wenn aber das Erstlingsbrot heilig ist, so auch der Teig; und wenn die Wurzel heilig ist, so auch die Zweige.
17 Wenn aber einige der Zweige herausgebrochen worden sind und du, der du ein wilder Ölbaum warst, unter sie eingepfropft und der Wurzel und der Fettigkeit des Ölbaumes mit teilhaftig geworden bist, Röm 11,16-17
Vers 16
Wie das Produkt hochwertig wird, wenn es bereits das Rohmaterial ist, so muss die Quelle hochwertig sein, wenn das Wasser rein ist, welches daraus sprudelt. – Unser Vers zeigt ein Prinzip auf. Christus ist die Quelle. Wer damit verbunden ist gedeiht bestens (Joh 7,38) und wird zum Segen. Wer nicht mehr mit der Wurzel verbunden ist, aber immer noch am rechten Platz; was mit einem solchen Menschen geschieht, sehen wir im nächsten Vers.
Vers 17
Israel wuchs als edler Ölbaum heran. Die Wurzel, welche das Leben garantiert, war Gott. Er war es, der Israel durch Wunder hervorbrachte (unfruchtbare Eltern). Solange die Israeliten sich an das Leben Gottes hielten und wie Abraham, ihrem Vater glaubten, durften sie der Fettigkeit dieses Gefüges (Ölbaum) nach ihrer Bestimmung teilhaftig bleiben. Bei einer Abkehr von Gott nützte jedoch das natürliche Gefüge, die Verbundenheit der Zweige mit der Wurzel von Natur aus, nichts mehr: Gott brach sie heraus. Darauf nahm Gott Fremdkörper, Zweige eines wilden Ölbaums und pfropfte sie anstelle Israels an die gute Quelle Gottes!
Diese beiden Verse zeigen schöne, aber auch sehr ernsthafte Wahrheiten auf. Zu den schönen Wahrheiten gehört die Tatsache, dass die Fettigkeit und der Überfluss Gottes auch für die Nationen bestimmt sind. Wir Nationen, die wir nicht durch natürliche Umstände mit Gott in einer positiven Beziehung standen, haben die Chance erhalten, in eine gute treten zu dürfen. Das Heil Gottes kam durch Jesus Christus zu uns! Wer Christus annimmt, wird entgegen seiner Abstammung in den edlen Ölbaum eingepfropft.
Eine sehr ernsthafte Wahrheit ist, dass Gott die natürlichen Zweige nicht verschont hat: Er brach sie heraus. Das zeigt wieder einmal in unmissverständlicher Deutlichkeit auf, dass Gottes Volk durch selbstverantwortliches Handeln sich zu Gott halten oder von ihm entfernen kann. Die Abstammung allein ist keine Garantieurkunde für eine beständige und unterbruchslose Zweisamkeit mit Gott. Wie ich schon einmal erwähnte, berief sich Israel mehrmals auf ihre Abstammung, ihre heiligen Geräte und Anbetungsstätten. Gott zeigte ihnen aber damals schon auf, dass all diese Dinge ihnen nichts nützen, wenn sie sich innerlich von ihm entfernen würden. So erlitten sie beispielsweise eine grosse Niederlage gegen die Philister, obschon sie die Bundeslade ins Kriegslager holten (1. Sam 4). Wiederum nützte ihnen die Anbetungsstätte in Silo (Zelt der Begegnung, Jos 18,1; Ri 18,31) und Jerusalem (Tempel) nichts in ihrer Abkehr von Gott. So wie Silo vernichtet wurde (Jer 7,12), nahm Nebukadnezar, der Babylonier, Jerusalem ein.
Verse 18-21
18 so rühme dich nicht gegen die Zweige! Wenn du dich aber gegen sie rühmst – du trägst nicht die Wurzel, sondern die Wurzel dich.
19 Du wirst nun sagen: Die Zweige sind herausgebrochen worden, damit ich eingepfropft würde.
20 Richtig; sie sind herausgebrochen worden durch den Unglauben; du aber stehst durch den Glauben. Sei nicht hochmütig, sondern fürchte dich!
21 Denn wenn Gott die natürlichen Zweige nicht geschont hat, wird er auch dich nicht schonen. Röm 11,18-21
Vers 18
Ganz klar ist es nicht statthaft, sich gegen Israel zu rühmen. Wir Menschen aus den Nationen wurden durch die Gnade eingepfropft, nicht durch eigenes Vermögen. So ist der Ruhm ausgeschlossen. Wer aber denkt, sich rühmen zu können, der soll sich seiner Abhängigkeit von der Wurzel bewusst werden. Nicht er selbst kann den Lebensfluss produzieren, er kommt von der Wurzel.
Verse 19-20
Es beeindruckt mich, dass der Heilige Geist für die Ermahnung, welche simpel und einleuchtend ist, mehrere Verse niederschreiben und sie somit sehr eindringlich erscheinen lässt. Wie schnell kann der Stolz den Menschen verführen und ihn aufblasen. Wie schnell kann man sich überheben wegen der Tatsache, dass Israel herausgebrochen wurde. Und wie schnell dichtet der Stolz Märchen zusammen, die einen wichtig erscheinen lassen. Israel wurde nicht herausgebrochen, da es zuwenig Platz für die wilden Zweige gab. Israel wurde nicht beiseite gestellt, weil wir besser wären, so gerne wir das auch hören möchten. So, wie es bei der Landnahme Israels war, ist es auch hier: Die Kanaaniter wurden von Gott wegen ihrer Bosheiten aus dem Land vertrieben (5. Mo 9,4), nicht weil Israel besser war als sie (5. Mo 7,7). Wir sind auch, wie Israel damals gegenüber den Nationen, keine besseren Menschen gewesen, bevor Gott sich unser annahm (Rö 6,21). Oder will jemand das Gegenteil behaupten?
Es stellte sich im Nachhinein heraus, dass Israel genau so verderblich handelte, wie die Völker, welche wegen ihren Sünden aus dem Land gerissen wurden (2. Kö 17,15, u.v.a.). So kam es, dass Israel konsequenterweise die gleiche Strafe ereilte. Demgemäss stellt der Apostel fest, dass es zwar korrekt ist, dass Israel herausgebrochen wurde, korrigiert aber die Wahrheit in Bezug auf das Warum sie herausgebrochen wurden. Sie wurden nicht herausgebrochen, um uns Platz zu machen, weil wir etwas seien. Sie wurden nur ihres Unglaubens wegen herausgebrochen.
Wir stehen nun durch den Glauben, wie Israel anfänglich durch den Glauben stand. Diese Erläuterungen durch den Heiligen Geist sollten den letzten falschen Stolz aus uns vertreiben. Wer sich weiter gegen Israel rühmt und tatsächlich glaubt, er habe sich die Position am edlen Ölbaum irgendwie verdient, hat diesbezüglich noch gar nichts begriffen. Vielleicht hilft einem solchen nur noch das Wissen, das im nächsten Vers vermittelt wird.
Vers 21
Es liegt auf der Hand, dass Gott, der die natürlichen Zweige, Zweige welche die logische Konsequenz des Wachstums dieses Ölbaums waren, nicht verschont hat, die widernatürlichen Zweige noch eher nicht schonen wird. Vielmehr sollen sich die widernatürlichen fürchten! Denn wir, die gegen die Natur eingepfropft wurden, haben die höhere Verantwortung als Israel, da wir ein Vorbild haben. Wir haben die Belehrung, dass Gott sein eigenes Volk nicht schont wenn es abfällt, da müssen wir uns überhaupt nichts vormachen. Wir haben die Warnung der Schrift UND das Vorbild im Gegensatz zu Israel, das „nur“ über die Warnung der Schrift verfügte.
Ich hatte nicht im Sinn, diese Tatsachen so weit auszuführen, doch es erscheint mir nun trotzdem notwendig. Der Hochmut ist tödlich für den Menschen – wie schnell lässt man sich durch ihn verleiten! Da haben meine Ausführungen nichts mit Angstmacherei zu tun, der Heilige Geist persönlich lässt niederschreiben: „Sei nicht hochmütig, sondern fürchte dich!“ Amen.
Verse 22-24
22 Sieh nun die Güte und die Strenge Gottes: gegen die, welche gefallen sind, Strenge; gegen dich aber Güte Gottes, wenn du an der Güte bleibst; sonst wirst auch du herausgeschnitten werden.
23 Aber auch jene, wenn sie nicht im Unglauben bleiben, werden eingepfropft werden; denn Gott ist imstande, sie wieder einzupfropfen.
24 Denn wenn du aus dem von Natur wilden Ölbaum herausgeschnitten und gegen die Natur in den edlen Ölbaum eingepfropft worden bist, wieviel mehr werden diese, die natürlichen <Zweige>, in ihren eigenen Ölbaum eingepfropft werden! Röm 11,22-24
Vers 22
Paulus stellt hier die Güte der Strenge Gottes gegenüber. Beide Eigenschaften Gottes sind an diesem Ölbaum klar und übersichtlich erkennbar. Er handelt streng mit Personen aus seinem Volk, die gefallen sind und gütig mit solchen, die an seiner Güte festhalten. Wiederum lässt hier Paulus, inspiriert durch den Heiligen Geist (2. Tim 3,16), die göttliche Warnung einfliessen, dass Gott, ohne Rücksicht auf das Ansehen der Person bzw. deren Abstammung, Menschen aus seinem Volk herausschneiden kann. Er wird es ganz sicher tun, da bleibt es nicht bei einer hohlen Warnung.
Vers 23
Gott ist auch in der Lage, die Herausgeschnittenen wieder einzupfropfen. Er kann sie wieder in die Gemeinschaft bringen. Dies ist aber klar an eine Bedingung geknüpft: Sie dürfen nicht im Unglauben bleiben. Die Erfüllung dieses Verses sehen wir bei der Wiederannahme Israels, bei Christi Wiederkunft.
Vers 24
Hier wird uns sehr schön dargelegt, wie nahe es liegt, dass eine Wiederherstellung der alten, natürlichen Ordnung möglich ist. Wenn es schon durchführbar war, fremde Zweige in den edlen Ölbaum einzupfropfen, liegt es noch viel näher, die natürlichen Zweige wieder einzusetzen.
Wir sollten uns über diese Gnade Gottes freuen! Auch wenn Israel sehr viel Sünde an Sünde gereiht hat, ist Gott imstande, sie zu entsündigen, ohne Allversöhnungstheorien zu stützen. Das heisst, dass Gott Israel wieder annehmen kann ohne beide Augen zudrücken zu müssen und das Recht mit Füssen zu treten. Er wird vielmehr Israel soweit bringen, dass sie Busse tun werden. Erst dann wird die Wiederannahme erfolgen. Amen.
Verse 25-28
25 Denn ich will nicht, Brüder, dass euch dieses Geheimnis unbekannt sei, damit ihr nicht euch selbst für klug haltet: Verstockung ist Israel zum Teil widerfahren, bis die Vollzahl der Nationen hineingekommen sein wird;
26 und so wird ganz Israel errettet werden, wie geschrieben steht: »Es wird aus Zion der Erretter kommen, er wird die Gottlosigkeiten von Jakob abwenden;
27 und dies ist für sie der Bund von mir, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.«
28 Hinsichtlich des Evangeliums sind sie zwar Feinde um euretwillen, hinsichtlich der Auswahl aber Geliebte um der Väter willen. Röm 11,25-28
Vers 25
Für mich ist es, wie bereits erwähnt, sehr eindrücklich, wie viele Erklärungen der Heilige Geist Gläubigen aus den Nationen über Israel abgibt, damit sie sich (wir uns) nicht überheben bzw. für klug halten. – Wie ich auch bereits schon erwähnt habe, ist der Stolz eines der Grundübel beim Menschen. Stolzen Menschen widersteht Gott, den demütigen hingegen gibt er Gnade (Jak 4,6; 1. Petr 5,5).
Israel muss zum Teil verstockt bleiben, bis die Vollzahl der Nationen in Reich gekommen ist. - Wir sehen also, dass wir nicht um unserer grösserer Klugheit willen im Blick auf Israel beim HERRN sind, sondern allein darum, weil es zum Plan Gottes gehört. Somit ist ein sich Rühmen gegen Israel fehl am Platz!
Diese Verstockung Israels hat nichts mit Ungerecht sein zu tun. Einen solchen Gedanken gegen den heiligen und absolut gerechten HERRN zu hegen, wäre eine schlimme Anmassung! Israel und der Mensch überhaupt haben wegen der Bosheit gegenüber Gott mehr als nur Verstockung verdient: nämlich den ewigen Tod! Doch Gott verstockt Israel nur für eine bestimmte Zeit, um sie anschliessend als Gesamtheit zu retten, nicht nach und nach, wie er es bei den Nationen anwendet. Das gehört zu seinem, dem Menschen freundlich gesinnten Plan.
Verse 26-27
Wenn die Vollzahl der Nationen errettet ist und Christus wiederkommt, wird ganz Israel erkennen, dass der der Messias war, den sie durchbohrt und ermordet haben (Sach 12,10). Sie werden sich zu ihm hin wenden und er kann sie so von ihren Sünden reinigen bzw. ihre Gottlosigkeiten abwenden (Jes 59,20).
Vers 28
Hinsichtlich des Evangeliums sind die Israeliten noch Feinde Gottes, da sie es nicht angenommen haben, wie wir Gläubigen aus den Nationen Feinde Gottes waren, bevor wir zum Glauben kamen. Wie wir zur Zeit Gottes gläubig werden durften, nicht zu unserer, darf sich Israel, wenn die Zeit gekommen ist, auch zu Gott bekehren. - Jeder Israelit in der Auswahl ist aber schon ein Geliebter Gottes, denn Gott weiss von ihm schon im Vorfeld, dass er Christus annehmen wird, wenn er ihm vorgestellt wird. Amen.
Verse 29-32
29 Denn die Gnadengaben und die Berufung Gottes sind unbereubar.
30 Denn wie ihr einst Gott nicht gehorcht habt, jetzt aber Erbarmen gefunden habt infolge ihres Ungehorsams,
31 so sind jetzt auch sie dem euch <geschenkten> Erbarmen <gegenüber> ungehorsam gewesen, damit auch sie jetzt Erbarmen finden.
32 Denn Gott hat alle zusammen in den Ungehorsam eingeschlossen, damit er sich aller erbarmt. Röm 11,29-32
Vers 29
Dem HERRN sei Dank für den Inhalt dieses Verses! Wenn die Aussprüche Gottes im Blick auf seine bedingungslose Gnade bereubar wären, wäre es aus mit der Menschheit. Zu oft wurde Gott versucht, beleidigt und verspottet. Und es wäre bereits schon mehrmals zu Ende gegangen mit dem Volk Gottes, wenn nicht ein Fürsprecher, Christus, für uns eingestanden wäre. Im 2. Buch Mose sehen wir Mose bildhaft für Christus für das Volk einstehen (2. Mo 32,10, siehe auch 4. Mo 17,10). Die Tat Christi eröffnet Gott einen Weg der Gnade, die an keine Leistung unsererseits knüpft. Wie entlastend ist das doch im Blick auf unsere mangelhafte Moral im Lichte Gottes!
Der Ausspruch in diesem Vers erscheint noch gewaltiger, wenn man bedenkt, zu welcher Zeit er niedergeschrieben wurde. Der Römerbrief wurde ja bekanntlich geschrieben, nachdem Israel über Jahrhunderte bewiesen hatte, Gottes Rechtsanspruch mit Füssen getreten zu haben (Hes 23). – Nichtsdestotrotz dürfen wir nach all diesen traurigen Begebenheiten solche Worte der Gnade lesen!
Wo jedes Herrschers Latein am Ende ist, ist dasjenige Gottes erst am Anfang; wo jeder Herrscher sich völlig von einem total untauglich gewordenen Volk abwenden müsste, spricht Gott Worte der Gnade und der fürsorglichen Annahme aus für sein Volk! Hinsichtlich der Auswahl sind die Israeliten Geliebte. Gott plante von Anfang an die Errettung der Menschen, die – obwohl völlig unzulänglich im Blick auf ihn – sich nach ihm ausstrecken werden.
Vers 30
Wir, die gläubig gewordenen Menschen aus den Nationen, die wir Gott gegenüber ungehorsam waren, haben Erbarmen gefunden infolge des Ungehorsams Israels. Weil Israel Ungehorsam war, suchte Gott ein sogenanntes Nicht-Volk, Menschen aus den Nationen, um Israel zur Eifersucht zu reizen. – Das war die Gelegenheit für uns gerettet zu werden! Ihr Ungehorsam brachte unseren Segen (Rö 11,15)!
Vers 31
Wie wir wissen, öffnete sich Israel nicht für den neuen Weg, dem Evangelium durch Jesus Christus. Sie wollen in der Gesamtheit beim Gesetz bleiben, obwohl es von Gott als überholt erklärt wurde (Lk 16,16; Heb 8,13).
Vers 32
„Denn Gott hat alle zusammen in den Ungehorsam eingeschlossen, damit er sich aller erbarmt“, stellt Paulus fest. Böse Zungen mögen in Bezug auf diese Stelle behaupten, Gott übe Machtdemonstrationen aus, „spiele“ mit dem ihm ausgelieferten Menschen und bezeichne ihn einfach als „ungehorsam“. – Mit solchen Gedankenergüssen beweisen sie aber nichts als völligen Unverstand, denn Gott hat von jeher seine Langmut und Güte bewiesen. Schon im Garten Eden verschonte er das Menschenpaar, trotz deren Übertretung, indem er an ihrer Statt das Blut von Stellvertretern* fliessen liess, was ein Bild auf Christi Tod hin ist (*Gott bekleidete die Menschen mit Fellen von Tieren, die dafür sterben mussten, 1. Mose 3,21). Immer wieder liess Gott Gnade vor Recht ergehen, obwohl der Mensch ihm oft – und nicht selten sogar vorsätzlich! – ins Gesicht sündigte (1. Sam 8,19; Mt 8,34 u.v.a.). Im Weiteren offenbart Gott dem Menschen durch seine wunderbaren Wege und seinen fast unendlichen Langmut, dass der Mensch durch und durch böse ist (Mt 15,19), das ist genau das Gegenteil, was vom heutigen Zeitgeist, dem Humanismus, „gepredigt“ wird. Auf diese Art kann im Menschen ein Bewusstsein geweckt werden, das nach Rettung verlangt. Die Ermahnungen Gottes sind dazu da, der Menschheit zu helfen, nicht um sie zu plagen! Da sich der Mensch völlig nicht um Gott und seinen Willen kümmert, verfällt er immer wieder den Lügen von Gottes Widersachern (1. Tim 4,1; Offb 9,20). Die Darlegungen Gottes werden so leider allzu oft in den Wind geschlagen und somit wird weiter Sünde an Sünde gereiht. Und mit der Annahme dieser bösen Lehren, welche Freiheit und Unabhängigkeit versprechen, verschliesst sich der Mensch seiner wahren Rettung!
Der Vers 32 steht aber nicht in erster Linie aus diesen, eben betrachteten Gründen da. Gott offenbart damit, dass er in seinen Regierungswegen der Fehlbarkeit des Menschen unparteiisch Rechnung getragen hat, gerecht, voller Langmut und Gnade regierte und keinem Menschen einen ungesetzlichen Vorzug gab. So brachte es Gott soweit, obwohl er ein bevorzugtes Volk auserwählt hatte, dass sich kein Mensch gegen einen anderen rühmen kann. Seine Gerechtigkeit wurde in keinem Punkt verletzt. Sein unparteiischer Charakter wird hier besonders schön beleuchtet. Alle sind, so wie es der Mensch provoziert und vollbracht hat, im Ungehorsam eingeschlossen. Und, obschon sich die ganze Bosheit des Menschen ungeschminkt offenbart hat, erbarmt er sich in seinem Sohn über die Menschen. Er erbarmt sich über alle, Juden und Nationen (Rö 10,12) und zwar so, dass alle höchste Wertschätzung dafür entwickeln müssten, denn was Gott hier an Gnade, Macht, Herrlichkeit, Weisheit und Stärke bewiesen hat, ist beispiellos! Amen!
In eigener Sache:
Römer Kapitel 10 und 11 sind für mich, wie eigentlich jedes Kapitel in diesem Buch, sehr eindrücklich. In diesen beiden Kapiteln kommt überaus schön an die Oberfläche, wie der in göttlichen Dingen unterrichtete Mensch sich entwickeln kann. Dabei denke ich an eine negative Form der Entwicklung, wie wir sie in der Geschichte bei dem Gros der Israeliten sehen. Der Mensch kann sich, trotz Absonderung von allen irdischen Einflüssen und der göttlichen Zuwendung, sehr zum Schlechten entwickeln. Hat der Stolz einen festen Platz im Herzen des Menschen, entscheidet sich der Mensch für den falschen, selbstgefälligen Weg und denkt, dass er etwas sei, da sich doch Gott ihm besonders offenbart hat. So überhob sich Israel, das den Gottesdienst, die Feste des HERRN und die Opfer hatte. Sie wussten viel mehr von der richtigen Gottesverehrung als die Völker ringsum, die zwar durch die Schöpfung von Gott wussten, aber nichts im Blick auf die richtige Verehrung. Vermengt man das Wissen mit dem Stolz, legt der Mensch ausserdem die moralische Latte viel tiefer, da er im Vergleich viele unkundige Personen in Bezug auf sein Wissen über Gott in seinem Wirkungskreis sieht. Er verbindet sein Wissen mit der Anerkennung Gottes und denkt, je mehr er weiss, desto grösser sei sein Ansehen bei Gott. So kommt es, dass er sich im Blick auf die Moral gehen lässt, da sein Indikator Wissen, das höher ist als bei den meisten um ihn herum, ihm vorgaukelt, er sei um Meilen besser als alle anderen. – So kommt es, dass solche Menschen von Gott verworfen werden und an ihre Statt „Unkundige“ gestellt werden, um sie zur Eifersucht zu reizen, damit sie wieder gewonnen werden können. Genau das geschah mit Israel. Sie taten viel Böses und dachten, sie seien unantastbar, da sie doch den Tempel, die Wohnung Gottes, bei sich hatten (Jer 7,4). Gott verwarf sie in der Folge und berief ein Nicht-Volk, ein Volk von unkundigen Menschen, die er an ihre Statt setzte. Zur Eifersucht gereizt, streben sie den verlorenen Platz wieder an und können so errettet werden.
Wir können auch im Christentum ähnliche Begebenheiten beobachten. Es gibt da nachweislich im HERRN besser unterrichtete und solche, die das Wort Gottes nicht so gut kennen. Da kommen die genau gleichen Mechanismen wieder zum greifen: Der „wissende“ Christ, der den Stolz nicht im Griff hat, überhebt sich über den anderen. Gleichzeitig setzt er die moralischen Ziele tiefer, da er im Irrglauben ist, sein Wissen sei der Indikator für den Wohlgefallen Gottes. – So kommt es, dass viele christliche Leiter sich, wie Juda im Vergleich mit Israel, schlimmer gebärden als die „unkundigen“ Christen.
Das ist eine ernsthafte Warnung an die von Gott besonders unterrichteten Christen. Ich selbst nehme sie nicht auf die leichte Schulter! Ich habe diese Warnung nicht immer in diesem hellen Licht gesehen, wie sie in diesen Kapiteln entwickelt wird. Die Begabung zu lehren ist, wie jede andere, eine frei geschenkte Gabe Gottes und kein Indikator seines Wohlgefallens! Wer eine geistliche Begabung hat, soll nicht denken, er sei besser als jener, der keine solch ausgeprägte hat. Vielmehr soll er das Bewusstsein haben, dass, je mehr er hat, desto mehr von ihm gefordert wird (Lk 12,48). Schliesslich erwarten wir von einem Mann mit einem Bagger in derselben Zeit ein grösseres Loch wie von einem, der nur eine Handschaufel hat.
Der Mensch kann schnell fallen, - sobald er sich von Christus löst, ist das oben beschriebene die Folge. Lassen Sie mich dazu etwas aus meinem Leben erzählen: Ich ging lange in Gottesdienste einer christlichen Versammlung in der Nähe meines Wohnortes. Aufgrund meiner wachsenden Schriftkenntnis kritisierte ich Dinge, von denen ich überzeugt war, dass sie anders gehandhabt werden sollten. Darauf bekam ich grossen Widerstand aus den Reihen der traditionellen Christen, welche an schriftwidrigen, doch inzwischen landläufigen Gebräuchen festhalten wollten. Der Widerstand wurde so gross, dass ich von der Ältestenschaft, welche mir zwar noch bestätigte, dass ich nichts Falsches vertrete, hinaus komplimentiert wurde. Mir wurde also nahe gelegt, die Versammlung, meine geistliche und soziale Heimat, zusammen mit meiner Familie, zu verlassen. So, abgeschnitten von Freunden und Geschwistern, durchlebten wir in grosser Einsamkeit einen mehr schlechten als rechten Lebensabschnitt. Darin erlebte ich Wechselbäder von Gefühlen und Gedanken aller Art: Sie reichten von Niedergeschlagenheit bis hin zum Hochmut. – Bleiben wir realistisch: Es war nach Matthäus 18 nicht korrekt, mich aus der Gemeinschaft zu werfen, wo doch bei mir keine vorsätzlich behaltene Sünde vorlag. Da haben die Brüder klar falsch gehandelt. Doch mich brachte dieser böse Umstand, der auch ein Test für mich war, ebenfalls in Sünde, da ich mich gedanklich wegen meines besseren Wissens in dieser Angelegenheit zeitweise über die Brüder dieser Gemeinschaft erhob. Das Vergleichen, das der HERR klar nicht duldet (Joh 21,22), brachte mich darin zu Fall. Ich wusste in bestimmten Schriftabschnitten besser Bescheid als sie. Dies führte mich unwissentlich dazu, mich über sie zu erheben, auch wenn ich das nicht wollte. Ich sagte mir, dass ich ja hier ganz bestimmt im Recht sei und sie im Unrecht. Gab mir das denn nicht ein Recht, mich etwas wertvoller zu fühlen? – Darauf muss ich klar mit „Nein“ antworten. Dieses „Nein“ entschuldigt das Verhalten der Gemeinde nicht. Sie müssen für ihre Taten auch geradestehen vor dem HERRN. Dieses „Nein“ besagt nur, dass ich mir kein Recht zur Überhebung daraus nehmen darf, denn diese hier behandelten Kapitel im Römerbrief zeigen allzu deutlich, dass der „wissende“, wie auch der „unwissende“ Mensch im Ungehorsam eingeschlossen ist. Wie es bei den Israeliten war, verhält es sich bei den Nationen. Wie es bei Lehrern in der Gemeinde ist, verhält es sich bei Neubekehrten: Niemand kann sagen, dass er etwas sei, denn alle göttlichen Gaben wurden uns durch freie Gnade geschenkt und nicht aufgrund von eigenen Taten, die uns rechtfertigen würden!
Behalten Sie, sollten Sie gut mit göttlichen Gnadengaben ausgerüstet sein, den Kopf „unten“, bleiben Sie demütig! Es kann sonst sein, dass Ihnen am Schluss von Gott mehr vorgeworfen wird als unkundigeren Christen. Juda hat es schlimmer getrieben als die „so bösen“ nördlichen Stämme, so unglaublich das klingt! – es ist so (Hes 23,11). Dienen Sie treu und unterstützen Sie die Gemeinde nach Kräften. Dulden Sie das Böse nicht! Ich schreibe meine Erfahrungen nicht nieder, um das Ermahnen in den Hintergrund zu stellen. Ich schreibe nur, dass Sie sich allgemein nicht über andere überheben, auch dann nicht, wenn unrechtmässig nicht auf Sie gehört wird. Amen.
Vielleicht gelingt es mir, dieses Thema in den folgenden Kommentaren noch etwas zu zementieren – es gibt noch aussagekräftigere Beweise, dass sich „sehende“ Christen niemals über solche, die nicht „sehen“ erheben dürfen, auch wenn sie von den letzteren vorsätzlich falsch behandelt werden. Amen.
Verse 33-36
33 O Tiefe des Reichtums, sowohl der Weisheit als auch der Erkenntnis Gottes! Wie unerforschlich sind seine Gerichte und unaufspürbar seine Wege!
34 Denn wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Mitberater gewesen?
35 Oder wer hat ihm vorher gegeben, und es wird ihm vergolten werden?
36 Denn aus ihm und durch ihn und zu ihm hin sind alle Dinge! Ihm sei die Herrlichkeit in Ewigkeit! Amen. Röm 11,33-36
Vers 33
Wie gut kann ich Paulus’ Ausruf an dieser Stelle verstehen! Nach der Erläuterung des Heiligen Geistes, wie Gott mit den Menschen verfährt und der Darstellung seiner Liebe und Herrlichkeit, bleibt demjenigen, der einen kleinen Einblick in die Regierungswege Gottes bekommt, nur Staunen und Bewunderung!
Verse 34-35
Welcher Kirchenvorsteher, Professor, Philosoph, Lehrbeauftragter könnte den Menschen besser über seine Stellung, den Heilsplan und Jesus Christus belehren als Gott selbst? Wer kann dem Menschen an unzähligen Beispielen den Weg zum Heil, seine Stellung und sein Verantwortungsgebiet in immer wieder wechselnden Farben, doch immer mit demselben Inhalt (!), so schön darlegen? Ein Ausbildungsfachmann etwa? Wer ist ausserdem fähig, Offensichtliches solchen unzugänglich zu machen, die nicht hören wollen und es ausschliesslich Menschen zu offenbaren, denen er es offenbaren will (Luk 10,21)? „Gottes Ehre ist es, eine Sache zu verbergen“, heisst es in den Sprüchen (25,2). Er erzeigt seine Herrlichkeit auch darin, dass die Ungläubigen in wichtigen Dingen weder zur Rechten noch zur Linken unterscheiden können (Jon 4,11), denn trotz der besten Technologie und tiefster Forschung ist es der Elite dieser Welt nicht gelungen, näher zu Gott zu kommen, bzw. ihn zu erkennen, auf dass es ihnen besser ergehen würde. Obwohl alle seine Werke der Schöpfung offenbar sind, glaubt die Elite an Märchen wie den Zufall oder bekennt sich zum Atheismus. – Sagen Sie mir bitte, welche Kreatur ist zu solcher Wissenskontrolle fähig, wenn doch alles offenbar vor den Augen der Menschen ist? Kann man da vor Staunen nicht nur noch in das Lob Gottes einstimmen?
Manchmal denken wir beim Thema „Gottes Herrlichkeit“ an Wunder oder mit den Augen wahrnehmbare Herrlichkeiten, wie die noch ausstehende, sichtbare Offenbarung seines Reiches. Hier sehen wir eine andere Herrlichkeit, nämlich die Herrlichkeit seiner Fähigkeiten. Niemand kann lehren wie Gott. Niemand kann so regieren wie er. Überhaupt ist alles an ihm Herrlichkeit! Keine Kreatur hat ihm je das Wasser reichen können! Er ist so erhaben! Amen.
Vers 36
Aus ihm sind alle Dinge. Gott sprach und es stand da. Er brauchte nicht Materie, um Materie hervorzubringen. Er kann ohne Ressourcen Materie hervorbringen (Ps 33,9; Heb 11,3).
Alle Dinge sind durch ihn geschaffen. Niemand hat Gott bei der Schöpfung helfen müssen. Alle Dinge wurden durch Gott (Heb 2,10, Kol 1,16).
Alle Dinge sind zu ihm hin geschaffen (Kol 1,16). Die ganze Schöpfung hofft auf Christus, nur bei ihm wird sie Ruhe finden. – Ich schliesse mich da Paulus an: Ihm sei die Herrlichkeit in Ewigkeit! Amen.
An dieser Stelle möchte ich zur Vertiefung nochmals, wie oben versprochen, auf die wunderbare Lehre Gottes, die das Thema „Hochmut“ behandelt, zurückkommen. – Sind wir uns einig, liebe Leserin und lieber Leser, dass jeder von uns nur durch Christi Tat am Kreuz errettet werden konnte? Wir wissen ja inzwischen, dass es ausserhalb Christus vor einem heiligen und gerechten Gott keine Rettung gibt für den Menschen. So ist es offenbar, dass jeder Mensch Rettung braucht und da sie nur in Christus gefunden wird, muss Christus der einzige sein, der stellvertretend an unserer Statt sterben konnte. Ein Sünder kann nicht stellvertretend sterben, er stirbt wegen seinen eigenen Sünden. Stellvertretend sterben kann nur ein absolut heiliger und sündloser Mensch.
Was heisst das nun für uns? – Das heisst, dass unsere Schuld vor Gott so gross war, dass er uns nicht mit dem Preis eines Kleinwagens loskaufen konnte. Sie war so immens, dass er den Tod seines eingeborenen Sohn als Loskaufsumme einsetzen musste. So kaufte Gott uns frei und erliess uns eine Schuld, deren Höhe für keinen Menschen erreichbar ist. Alle Superreichen der Welt zusammen könnten diese Summe nicht aufbringen (Mt 16,26); die ganze Welt als Lösegeld reicht nicht aus, wie wir es Matthäusevangelium nachlesen können. – Wenn uns das einleuchtet, so richtig aufgeht, dann werden wir den Hauptaspekt vom Gleichnis mit dem unbarmherzigen Knecht in der Tiefe verstehen können (Mt 18,23). In diesem Gleichnis ist von einem Knecht des Königs die Rede, dem eine unbezahlbare Schuld vergeben wurde. Entlastet geht dieser Knecht hinaus und sieht dort einen Mitknecht, der ihm etwas schuldete. Statt es dem König gleichzutun und dem Mitknecht ebenfalls die im Verhältnis geringe Summe zu erlassen, packte er diesen unbarmherzig und forderte unnachgiebig den vollen Preis. Darauf kam, was kommen musste: Auf diese Tat hin widerrief der König seinen Erlass und nötigte seinen Knecht, alles zu bezahlen.
Die Übertragung dieses Gleichnisses in unsere Leben ist jetzt sehr einfach. Gott hat unsere Riesenschuld durch Christus bezahlt. Kein Mitmensch kann sich an uns so versündigen, dass wir ihm, wenn er uns um Vergebung bittet, nicht freisprechen können. Gott hat uns von der Todesstrafe begnadigt, sollten wir unseren Brüdern, die darum bitten, nicht auch alles vergeben?
Wenn wir nun zu meiner Geschichte zurückkommen (siehe Kommentar zum Vers 32, „in eigener Sache“), sehen wir, dass keine Verletzung dieser Gemeinschaft, die mich ungerecht behandelt hatte, mir einen Rechtsanspruch vor Gott für irgendetwas gibt. Mir wurde anfänglich von Gott soviel erlassen, dass ich zeitlebens kein Recht für Hochmut bzw. spezielle Forderungen finden werde. Ich darf nur für Gottes Sache einstehen und – sollte ich um Vergebung gebeten werden – bin ich verpflichtet, es von Herzen zu tun mit dem Blick auf den Erlass, welcher mir durch Gottes Gnade widerfuhr. Amen.
An dieser Stelle muss ich noch etwas Wichtiges erwähnen, denn dieses Gleichnis wird oft in Verbindung mit „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet (Mt 7)“ missbräuchlich von unbelehrbaren Christen erwähnt, um Zurechtweisung abzulehnen. Es – oder der Vers, Mt 7,1 – werden benutzt, um Ermahner mundtot zu machen. Letztere können sich dadurch, im Wissen um ihre Fehlbarkeit, vom Weg der Ermahnung abbringen lassen und gewähren so dem Bösen freien Lauf. Das darf nicht sein, liebe Brüder und Schwestern. Da wir wissen, dass wir alle nur ein mangelhaftes Leben führen, müssen wir beim Thema Ermahnung ganz vorsichtig aber Gott gegenüber auch treu sein. Vorsichtig müssen wir sein, dass wir nicht Personen in Dingen ermahnen, wo uns die Ermahnung nicht gegeben ist. Treu müssen wir sein, dass wir Gottes Wort nicht mit Füssen treten und dem Bösen freien Lauf lassen: Wo ermahnt werden muss, sündigen wir, wenn wir es nicht tun. Als Faustregel gilt: Wenn wir jemanden sündigen sehen, etwas tun sehen, das durch die Bibel verurteilt wird, wie lügen, stehlen, ehebrechen, Gott und dem Nächsten fluchen, Unzucht treiben, usw. sind wir verpflichtet, ihn zurechtzuweisen, wenn sich diese Person als zu Jesus gehörend bekennt. Dass die Weltmenschen solches tun, ist allerseits bekannt. Bei ihnen sind wir nicht verpflichtet in derselben Art zu ermahnen, bei ihnen sind wir zuvor angehalten, die Gute Nachricht zu verkündigen. – Lassen Sie sich beim Thema Ermahnung als Richtschnur durch Matthäus 18 (Verse 15-18) leiten.